Archiv für den Monat: Juni 2014

Home Sweet Home

Hallo liebe Leute!
Ich nutze dieses Medium nochmal schnell, bevor keiner mehr hier drauf guckt. Ich bin nach einigen essensreichen und schönen Tagen wieder in Hamburg angekommen und genieße die Kühle. Weswegen ich nochmal schreibe ist Folgendes: ich möchte gerne eine “Sommer in Hamburg und ich bin wieder zu Hause” Party im Eilbekpark machen. Nichts aufwändiges, mehr so, wie Camping eben ist. Einfach, manchmal unbequem, aber immer bereit zu improvisieren. Am 19.7., ab 18:00. S-Bahn ist “Friedrichsberg”, von da aus Richtung Friedrichsberger Straße, auf der Grillwiese. Ähnlich wie beim Camping sind in der Nähe natürlich auch Sanitäranlagen :-) (natürlich unsere).
Bringt was zu essen mit, wer hat auch gerne einen Grill und Picknickdecke. Was zu trinken natürlich auch! Ich bringe mein Zelt mit und den kleinen Hocker…
Und erzählt es gerne weiter, weil sicher nicht mehr alle auf den Blog gucken. ¡Hasta luego!

Tag 91. Guadalajara – Madrid

Morgens regnet es in Strömen. Ich bin froh, im Hotel zu sein. So kann ich rausgucken und warten bis der Regen aufhört. Ich frühstücke in Ruhe, soweit das geht. Ich bin nämlich aufgeregt. Dann endlich los. Wind von vorne. Berge. Sonne. Alles egal, ich bin beflügelt. Im Schatten auf einer Bank mache ich eine kurze Pause. Am Horizont habe ich schon die Skyline von Madrid gesehen.
Bei McDonald’s wird nochmal Pause gemacht, ich muss etwas essen. Meine Taschen wurden in den letzten Tagen immer leichter und ich habe auch nichts neues mehr gekauft. Der Weg jetzt bis zu meiner Tante ist etwas kniffelig. Mein Navi funktioniert hier nicht, weil es mich nicht auf den Nationalstrassen fahren lässt. Außerdem ist der Verkehr hier langsam ziemlich dicht, in jeder Hinsicht. Aber wird schon.

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Ich bin da. Ich bin tatsächlich diese ganzen Kilometer mit dem Fahrrad gefahren. Ich denke zurück, an den Start über die Elbbrücken. Ein tolles Gefühl. Und jetzt, nach 91 Tagen, in Madrid angekommen. Viel Stress, viel Angst, viel Freude und viel Dankbarkeit. Auch viel Einsamkeit und viel Vermissen. Viel Ruhe und Zeit für Traurigkeit. Beim Rad fahren viel Anstrengung, aber auch Lebensfreude. Ich habe viel Energie verbraucht, viel Willenskraft und Kalorien ebenfalls. Ich habe kleine Dinge des Lebens schätzen gelernt und gemerkt, mit wieviel weniger ich auskommen kann, als ich gedacht habe. Und wie unwichtig manche Äußerlichkeiten sind, im Gegensatz zu menschlicher Wärme und schlichter Freundlichkeit.

Ich werde sicher noch etwas Zeit brauchen, um in Ruhe über alles nachzudenken.

Habe ich mich verändert? Was habe ich von dieser Reise erwartet, was habe ich bekommen?
Ich wollte irgendwie mit dem Tod meines Vaters klarkommen. Ich habe aber auf dem Weg nach und nach verstanden, dass Heilung nicht etwas ist, dem ich hinterherlaufen (oder fahren) kann. Irgendwann wird sie sich einstellen und irgendwann wird die Zeit dafür da sein.
Es war gut, alleine zu sein. Aber das hat Grenzen, die ich jetzt kenne. Nach einem Monat werden Menschen mehr und mehr wichtig. Diejenigen, die mir nahe stehen und alle, die Teil hatten an meinem Blog. Euch alle habe ich immer bei mir gehabt und das war sehr gut und wichtig für mich. Es fiel mir mit euch im Rücken nicht schwer, immer positiv zu sein, trotz aller Probleme, wovon es rückblickend eigentlich erstaunlich wenige gab. Klar, Fahrrad weg. Aber auch darüber bin ich nicht böse. Ich bin einfach nur froh, endlich meine Schwester und meine Mutter wiederzusehen und bald auch wieder Julia und unser Zuhause.

Und neben den vielen kleinen Erkenntnissen kommt mir ein für mich positives und passendes Wort in den Sinn, das diese Reise und mich irgendwie gut beschreibt: Schörkellos.

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Ich danke allen, die mich auf dieser Reise begleitet und unterstützt haben. Eure Hilfe, Gedanken und Kommentare waren für mich das größte Geschenk.

Tag 90. Sacedón – Guadalajara

Heute eine ziemliche Quälerei. Zuviel Wind, zuviele Berge. Und ich habe einfach keine Lust mehr. Ich kann nicht mehr an viel anderes denken, außer endlich anzukommen. Ich komme aber irgendwann im Hotel an, das ich meinem anderen Chef verdanke (danke Ulf!). Ich habe nämlich jetzt auch keine Lust mehr im Zelt zu schlafen. Offenbar habe ich gestern bei dem Unwetter Glück gehabt. Woanders sind faustgroße Hagelklötze runtergekommen. Die Landschaft ist schön, aber ich habe nicht mehr so recht ein Auge dafür.

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So ein Straßenschild lässt mich Übles ahnen…:

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Vor allem, wenn nach 1000 Metern hoch noch so eins folgt:

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Ich habe auch keine tiefgreifenden Gedanken oder Erkenntnisse. Ich bin einfach müde, die Beine sind ebenfalls müde und das Gehirn ist auf Halbmast. Morgen noch und dann ist die Reise vorbei. Ich bin im Moment nicht traurig darüber. Ich glaube, es ist jetzt auch genug. Ich freue mich auf zu Hause. Also, ein letztes Mal: bis morgen!

Tag 89. Cuenca – Sacedón

In der Nacht hat es geregnet und daher ist es morgens schön kühl. Nach einer Stunde Fahrt ist es immer noch schön kühl. Nach zwei Stunden hab ich eigentlich keine Lust mehr zu frieren. Aber immerhin regnet es nicht. Nach knappen drei Stunden habe ich 60km hinter mir. Habe ich lange nicht mehr geschafft. Ich komme mir vor wie ein Ponyhofpony, das bei dem täglichen Ausritt auf dem Rückweg immer schneller wird. Ja, wir Ponyhofveteranen wissen das.

Ich habe aber nun nur noch 15km. Wie ihr an den Höhenangaben sehen könnt, ging es bis jetzt hauptsächlich bergab. Außer ganz am Ende. Diese beiden Zipfel da in der Höhenlinie haben mich nochmal recht viel Kraft gekostet. Aber, es regnet nicht. Das tut es erst etwas später und dann auch nicht zu knapp.

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Nun denn, am Campingplatz angekommen, schnell das Zelt aufgebaut, obwohl, meine wetterapp sagt, dass es ja nur 1mm Regen geben soll … Vermutlich in der Sekunde, denn als ich gerade fertig bin mit Zelt einrichten geht es los. Quasi aus heiterem Himmel. Es prasselt brutal auf mein Zelt nieder. Als ich denke, dass es ja nun nicht mehr schlimmer werden kann, fängt es doch tatsächlich an zu Hageln!

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Danach wieder Regen. Und ein Gewitter, das unbedingt gehört werden möchte und daher so laut es geht knallt. Es tropft auf meine Matratze. Vorsichtshalber nehme ich sie hoch.

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Klopapier, dein Freund und Helfer.
Nach und nach nehme ich alles ins Zelt, was ich noch draußen hatte. Eine weise Entscheidung…

Hab ich euch schonmal die Geschichte von dem Mädel erzählt, die mal ein sauberes Zelt hatte? Haha. Die war kurz. Die Geschichte meine ich. Oder die von dem Gewitter, dass nur mal eben auf einen Kaffee vorbeischauen wollte? Naja, die ist eher lang …

Irgendwann ist es (zunächst) vorbei und ich kann meine, vom Matratzen und Innenzelt festhalten, verkrampften Glieder strecken. Hagel in Spanien. Also ehrlich.
So, letzte Nacht im Zelt also. Ich muss sagen, so traurig bin ich jetzt nicht darüber. Morgen nach Guadalajara. Und dann Madrid. Ich will jetzt auch endlich ankommen. Ich kann an nicht mehr viel anderes denken. Mal sehen, wieviel Nass heute noch von oben kommt…

Tag 88. Carboneras – Cuenca

(Ich habe nur äußerst langsames Internet, deswegen klappt es weder mit dem hochladen der Tourdaten, noch mit Fotos)

Morgens ist es reichlich kalt. Ich friere sogar ziemlich. Das ist schön. Außerdem schieben sich langsam Wolken vor die Sonne, das ist noch schöner. Von mir aus muss die Sonne gar nicht mehr rauskommen. Ja, ich weiß, verkehrte Welt… Heute morgen habe ich ein Frühstück bekommen – eine “Tostada”. Zwei Baguette Hälften, kross geröstet und ein wenig Honig. Als der Wirt mir den Teller hinstellt, frage ich mich wo denn die Butter dazu ist. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, nach einem Messer zu fragen, als ich feststelle, dass der Honig eigentlich Olivenöl ist. Äh? Als hätte ich mein Leben lang nichts anderes gemacht, verschütte ich etwas Olivenöl auf dem Baguette. Beim abbeißen fliegen viele Krümel umher, die aber an den Olivenölklecksen kleben bleiben. Es sind um zwanzig vor acht schon einige Gäste in dem Restaurant, die essen aber nicht, sondern trinken nur ihren Café con leche. Ich wische meine öligen Finger an der Serviette ab und hoffe, dass ich alles richtig gemacht habe. Dann fahre ich los.
Es geht ein wenig rauf. Und dann noch etwas mehr. Die Landschaft besteht aus sanften Hügeln und vielen Feldern. Es riecht nach Thymian. Normalerweise habe ich festgestellt, dass Berge aus der Ferne immer viel schlimmer aussehen, als sie aus der Nähe betrachtet sind. Nur hier scheint das dieses mal umgekehrt zu sein. Aber, und hier kommt eine kurze Erkenntnis dieser Reise, nach fast jedem Berg, den man sich hochquält, gibt es auch wieder ein Tal, in das man ohne Mühe rollen kann. Sehr metaphorisch. Und auch etwas platt, das gebe ich zu, aber konkret hier in den Bergen gänzlich unmetaphorisch und sehr hilfreich zu wissen. Allerdings lässt das natürlich auch den etwas weniger angenehmen Schluss zu, dass man alles was man runterrollt, irgendwann auch wieder hoch muss. Das ignoriere ich vertrauensvoll positiv denkend. Bald komme ich in Cuenca an und kaufe erstmal ein. Dann setze ich mich in einen Park und warte auf eine halbwegs vernünftige Zeit, um zu dem gegenüber liegenden McDonald’s zu gehen. Um halb zwölf ist es soweit. Was ich erst kurz nach zwölf weiß ist, dass es bis zwölf anscheinend nur Frühstück gibt. Ich hab noch nie bei McDonald’s gefrühstückt. Ich bestelle einen Mcmuffin mit Ei und Speck. Kleines Ding. Um zwölf andern sich die Anzeigetafeln und es gibt auch normale Burger. Ich hab ja Zeit. Und immer noch Hunger …
Weiter. Mit schwerem Burgerbauch zum Campingplatz, den es offenbar gar nicht mehr gibt, wie ich feststelle, als ich davor stehe. Ein Örtchen weiter ist aber ein einfaches Hotel. Glück gehabt, laut Google gibt es bis zum nächsten Etappenziel kein Hotel am Wegesrand und 75km bis dahin wäre mir jetzt doch zuviel. Also schnell einchecken. Ich verstehe ihn nur soviel, als dass ich mein Fahrrad ins Restaurant schieben kann, wenn ich soweit bin. Dankbar sage ich, dass ich glaube, dass ich ihn verstanden habe. Im rausgehen sagt einer der Gäste, dass er glaubt, dass ich nicht viel verstanden habe. Naja, das hab ich verstanden. Aber recht hat er auch…

Tag 87. Landete – Carboneras de Guadazaón

Morgens um acht ist es noch schön kühl. Es geht erstmal durch ein Tal. Insgesamt ist die Strecke bei weitem nicht so anstrengend wie gestern. Trotzdem bin ich müde und komme nicht so richtig “in die Gänge” (kleiner Scherz unter uns Fernfahrern…). Irgendwas ist an dem Lenker anders oder an den Griffen. Meine beiden Ringfinger schlafen dauernd ein und wachen auch nicht so richtig komplett wieder auf. Ich überlege, ob ich es ihnen nicht gleichtun kann und einfach in den Straßengraben neben mir falle. Dummerweise haben viele, sehr viele, Trichternetzspinnen ihre Trichternetzspinnennetze dort installiert, sodass ich mich doch irgendwie gegen ein Schläfchen entscheide. Ich würde ja ein Foto machen, aber ich muss leider mit Höchstgeschwindigkeit (in diesem Fall irrwitzige 15kmh) an ihnen vorbei fahren.

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Ich habe noch gar nichts über den neuen Sattel geschrieben. Ist auch nicht viel dran. Buchstäblich. Dafür redet er mit mir, indem er immer mal quietsch und knarrt. Ist ja auch was wert. Ab halb zwölf wird es ungemütlich in der Sonne. Um halb eins komme ich am Hotel an. Auch hier gibt es in der Gegend keinen Campingplatz. Erst wieder in Cuenca, meine nächste Station. Das Hotel ist zwar in einem Kaff, aber modern und hübsch. Großspurig habe ich schonmal angekündigt, dass ich morgen um sieben los müsste, ob das ein Problem sei. Überhaupt nicht. Ich glaube aber, ich verschiebe den Start auf acht. Fernsehen ist schließlich äußerst anstrengend – das tue ich seit ich angekommen bin. Ich bekomme sogar ein Frühstück. Ich bin gespannt.

Wir haben bei diesen Verkehrsschildern immer eine Kuh drauf. In Spanien? Natürlich ein Stier!

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Tag 86. Tuéjar – Landete

Julia ist jetzt eine Woche in England und wir können nicht so richtig telefonieren. Was Unsinn ist, denn wir können ja skypen. Es war so gut, sie in Valencia da zu haben und jetzt ist sie so weit weg. Das stresst mich irgendwie. Dabei bin ja ich die, die seit länger Zeit “so weit Weg ist”. Das mussten Julia und meine Familie ja auch aushalten. Aber ich bin da jetzt egoistisch und mich stresst so einiges. Und so fahre ich weinend die Berge hoch und runter. Runter auch, weil der Wind bei 40 km/h recht gnadenlos ist. Hoch, weil ich müde bin, traurig und erschöpft. Ja, bei 6 km/h und 30 Grad kochen die Sachen nochmal hoch. Aber das gehört auch dazu. Bald, oder eher irgendwann, bin ich ja auch angekommen und alles ist gut. Ich bin auch froh, dass julia in England ist, denn für sie wäre es auch nicht gerade toll, zu Hause auf mich zu warten. Also, einen schluck Wasser und weiter gehts. So muss ich wenigstens nicht ständig auf Klo!
Ich überfahre einen Schmetterling und muss mich zusammenreißen nicht wieder zu heulen. So viel Wasser hab ich nun auch wieder nicht, um es derart zu verschwenden. Da winkt wir eine kleine Mohnblume vom Straßenrand zu. Hab seit Ewigkeiten keine mehr gesehen. Keine zwei Minuten später kommt mir ein Fahrradfahrer entgegen, hebt den Daumen und ruft “buen viaje” (gute Reise). Ich bekomme wieder Mut und sehe mir jetzt sogar etwas die Gegend an. Es ist still, trocken und wild. Es gefällt mir. Nach 30km mache ich Pause, aber nicht lange. Ich hab noch keinen Hunger, es ist erst halb elf. Ständig kommen Motorradfahrer vorbei, die extra langsam an mir vorbei fahren, so als könnten sie nicht glauben, das jemand so verrückt ist, den Weg durch die Berge ohne Motor zu fahren. Um ehrlich zu sein, beneide ich sie gerade etwas. Aber ein wenig mit der Hand am Gas drehen kann ja fast jeder. Sich in ein Ameisennest am Straßenrand zu setzen allerdings nicht! Ich springe auf und klopfe alle neugierigen Besucher von mir ab. Schöne grosse Waldameisen. Manchmal bin ich aber auch echt blind. Also weiter gehts. Aber erst noch schnell auf Klo. Doch halt, was ist das?! Da suche ich seit Ewigkeiten Thymian und jetzt pinkel ich drauf. Das gibts doch nicht! Und gleich daneben Rosmarin. In trauter Zweisamkeit. Also zum Schluss doch noch fündig geworden. Wie schön!

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Endlich angekommen. Mit Hilfe meiner Cousine Diana ein Hotelzimmer bekommen. Ich hatte Sorge, dass ich am Telefon nichts verstehen würde. Alida wollte auch gleich helfen, aber Diana war schneller :-) . Es ist sehr hilfreich zu wissen, dass ich spanische Familie habe, die mir hier vor Ort helfen kann.

Bin jetzt reichlich erledigt. Das war am Limit heute. Hoffe morgen ist es nicht so anstrengend. Heute Abend vielleicht noch Fußball gucken, wenn ich es schaffe wach zu bleiben…

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Tag 85. Casinos – Tuéjar

Heute findet schonmal ein kleines Aufwärmen für die nächsten Etappen statt. Ich fahre um acht los und es ist tatsächlich noch erfrischend frisch. Der Wind pustet mir fröhlich ins Gesicht und ich spiele lustige Spiele mit meinem auf den grünen Fahrradweg fallenden Schatten. Dann zähle ich die spärlich an mir vorbei fahrenden Autos. Alles, um mich davon abzulenken, dass es mordsanstrengend ist, voran zu kommen. Nach der ersten Stunde tupfen mir die Fliegen den Schweiß von den Armen. Sehr freundlich, wenn sie nur nicht immer direkt vor meinem Gesicht vorbei fliegen würden. Sie treffen sich auf meiner Lenkertasche und besprechen, ob sie am Arm- oder Beinbuffet Platz nehmen wollen. Zeitweise sind es auf jeden Fall über zehn. Mir wird schnell klar, dass ich mich von jetzt an an diese Begleiter werde gewöhnen müssen. Sie haben keine Schwierigkeiten mit mir Schritt zu halten. Wobei “Schritt” das richtige Wort ist, denn in der zweiten Stunde bin ich mal wieder nicht schneller als ein Fußgänger.

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Ich mache im Schatten eines großen Baumes Pause, ich glaube die Fliegen freuen sich auch. Aufgeregt summen sie um mich und mein Brot herum. Ich stelle fest dass ich nur noch 7km zu fahren habe und frage mich unwillkürlich, ob ich das letzt drittel der Strecke vielleicht geschlafen habe. Ansonsten weiß ich auch nicht, wie ich das so schnell hinbekommen habe. Ich dachte, ich hätte noch mindestens das doppelte vor mir. Naja, froh und dankbar esse ich mein Brot.

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Im Schatten ist es so kühl, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Was für ein Luxus. Die letzen 5km geht es nur noch bergauf. Meine Fliegen und ich quälen uns bis zum Campingplatz hoch.
Jetzt habe ich geduscht und denke über die letzten Tage nach. Insgesamt fällt es mir jetzt sehr schwer, alleine zu sein und mich voranzutreiben. Natürlich fehlt mir mein Fahrrad irgendwie, es hat ja nun doch auch Charakter bekommen. Aber was hilft es, sich an materielle Dinge zu binden. Viel wichtiger war für mich in Valencia die Unterstützung und Hilfe meiner Mutter und von Alida und Marc-Oliver. Auch meine spanische Familie hat mir sehr geholfen. Letzten Endes ist es ja “nur” Geld, aber auch Geld muss irgendwo herkommen (in diesem Fall sehr schnell und unkompliziert von meiner Mutter!). Und die vielen Unterstützungsangebote (und auch sehr konkret, danke Michael!) von euch allen haben mich sehr gefreut. Ich kann euch das gar nicht zurückgeben, außer vielleicht mit tollen Tipps für eure nächste 3-Monats-Fahrradtour, die ihr ja sicher jetzt auch alle machen werdet. Kleiner Tipp schonmal vorab: einfach das Auto zur Sicherheit mit hinten dran hängen… Bis morgen!

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Tag 84. València – Casinos

Na denn. Also los zum Fahrradladen um das Neue abzuholen. Der nette Mechaniker bringt mir noch eine Flaschenhalterung an und, Hurra, eine Halterung für die Lenkertasche, Verständigungsprobleme inklusive. Schnell noch alles aufladen und los gehts. So die Tatsachen. Was im Hintergrund bei mir so ablief war hauptsächlich Nervosität, Angst, ein klein wenig Stress und Julia nicht gehen lassen wollen. Aber hilft ja alles nichts. Also alles nacheinander abhaken. Dann geht es los und ich bin froh, als ich endlich aus Verkehrsgewusel von València raus bin. Eigentlich ist die Strecke recht kurz und die Sonne scheint glücklicherweise auch nicht, aber ich schwitze wie noch nie vorher.

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Mir wird jetzt auch klar, wieso ich seit dem dritten oder vierten Tag der Reise diese beiden Gummischlaufen mit mir rumschleppe (ich hatte sie gefunden und hellseherisch vermutet, dass ich sie nochmal brauchen könnte). Sie halten jetzt meine Handyhalterung am Lenker fest. Sehr praktisch.
Jetzt bin ich in einem Hotel an der Autobahn und gucke das Ende von “die nackte Kanone” auf spanisch. Die nicht so richtig funktionierende Klimaanlage harmonisiert perfekt mit dem Fernseher – beide schalten langsam aber sicher mein Gehirn ab. Die zwei noch funktionierenden Gehirnzellen streiten sich um die Entscheidung die Fernbedienung in die Hand zu nehmen oder zu duschen. Folglich passiert nichts von beidem, ich liege quer auf dem Bett und höre der Übermacht der restlichen Zellen zu, die alle sehr laut “warm!” brüllen. Mal sehen wann ich mich zu irgendwas aufraffen kann.
Morgen und die nächsten Tage werden, nett ausgedrückt, “interessant”. Es macht doch tatsächlich einen ziemlich großen Unterschied, ob man ein billiges oder teures Fahrrad hat. Zumindest schonmal für die Beine und die Kondition. Aber es fährt :-)

Ach, ich sehe gerade dass ich überaus flexibel mit den Akzenten auf dem “e” in Valencia bin. Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, wie es nun richtig ist.

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Tag 83. Teil 3

So. Jetzt ist alles geregelt. Ich habe mich mit Julias Hilfe und eurem regen Zuspruch über den Tag gerettet, diverse Entscheidungen getroffen und schlussendlich meiner Reise ihr unverdientes und plötzliches Ende erspart. Erspart hab ich mir auch 500-600 Euro, indem ich nun ein farblich zu meinem Outfit passendes einfaches Rad gekauft habe. Es muss ja eigentlich nur sieben Tage halten.

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Und ganz ehrlich, das Alte wurde auch langsam etwas schmutzig. Es ist ja nun auch schon eine liebe Gewohnheit, mein Fahrrad jedes Jahr an Bedürftigere abzugeben. Thema abgehakt. In Hamburg kaufe ich mir ein richtiges.
Julia und ich sind jetzt auf dem Weg an den Strand und heute Abend gibt es wieder Fußball. In diesem Sinne: Oktoberfest Olé!

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Hier noch meine Fußballbeobachtungen von dem gestrigen Spiel, Brasilien-Mexiko:
Jetzt haben die Mexikaner den Ball. Und da hat einer den anderen geschubst. Gemein. Und das tut auch ganz schön weh. Das gibt eine schlimme Verletzung. Ich glaube das ist eine Verletzung für die Ewigkeit. Für 1-2 Minuten. Danach? Wunderheilung. Jetzt haben die Brasilianer den Ball. Die müssen sich erstmal aufwärmen. Dann geht es los. Fußball ist ja eigentlich kein Mannschaftssport. Manchmal hilft es aber auch, mit den Teamkameraden zu spielen. Aber die Brasilianer müssen das nicht. Die können auch ganz alleine daneben schießen. Ach jetzt macht der Torwart lustige Purzelbäume. Achso, der wollte den Ball halten. Jetzt wieder die Mexikaner. Oh, da bekommt einer eine gelbe Karte. Dabei haben die doch rote Trikots an, haha. Kleiner Scherz. Wieso lachen die denn jetzt alle?! “Tüdelüt, ach du meine Güte, das bin ja ich da auf der Leinwand! Toll toll toll, jetzt schnell winken und gut aussehen! Ach, schon wieder vorbei, naja”.
Gott, ist das langweilig das Spiel. Ich geh erstmal auf Klo. Julia langweilt sich auch. Für sie ist das Ganze eher eine Sozialstudie. Ich fange an Zähne zu putzen, während Facebook auf Julias Handy uns ungefragt Veranstaltungen in Valencia vorschlägt. Erschreckend. Gibt es eigentlich für Sportreporter ein Mindestmaß an Wörtern, die sie in 5 Sekunden unterbringen müssen? Unser spanischer Reporter hätte da keine Probleme. Unterdessen tricksen sich die Brasilianer trickreich ins Nichts und die Mexikaner laufen bemüht ins Leere. Darf man als Auswechselspieler eigentlich erst aufs Feld, wenn man mindestens sein Trikot komplett verschwitzt hat? Ich habe den Eindruck. Weiter gehts. Erst schubsen sie sich um, dann helfen sie sich wieder auf. Best Friends forever. Dann endlich Schluss. 0:0. Die Trainer sind auch nett zueinander. Nehmen sich in den Arm und ruinieren sich gegenseitig die Frisuren, sofern das geht. Und am Ende gibt es doch nichts schöneres, als ein durchgeschwitztes Trikot vom Gegner zu bekommen, dass man dann womöglich noch anziehen muss. Nichts für Leute mit übermäßigem Hygienebedürfnis. Gute Nacht.